Bild Nachbetrachtung Wirtschaftssymposium 2009

Nachbetrachtung Wirtschaftssymposium 2009

Gefühle gehören zum neuen Spirit in Leadership dazu

Gefühle haben im Business nichts zu suchen – mit diesem durch Generationen von Wirtschaftswissenschaftlern vermittelten Bild eines Homo oeconomicus, der vorgeblich alleine rational handelt und sich nicht durch Emotionen beeinflussen lässt, ist die heutige Leistungs- und Informationsgesellschaft groß geworden, aber auch an ihre Grenzen gestoßen. Wenn aktuelle Studien untermauern, dass gerade die emotionale Komponente die Motivation und Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern in besonderem Maße beeinflusst, wenn die Bewegungen von Börsenkursen sich nicht mehr alleine sachlich begründen lassen, wird offensichtlich, dass der Faktor Gefühl im Geschäftsleben anscheinend wider viele Erwartungen eine zentrale Rolle spielt. Das Symposium Spirit in Leadership, das vom Kuratorium Wirtschaft und Spiritualität der Willigis Jäger Stiftung West-östliche Weisheit Ende Mai im Benediktushof in Holzkirchen bei Würzburg ausgerichtet wurde, stand in diesem Jahr unter dem Leitthema „Emotionen in der Wirtschaft“ und ging der Frage auf den Grund, wie der Gefühlsebene im Business angemessener Rechnung getragen werden kann. Zahlreiche ExpertInnen aus Wirtschaft, Unternehmensberatung und Coaching vermittelten aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema und illustrierten, wie Unternehmen und Mitarbeiter diese in ihre tägliche Arbeit einbeziehen können.

Veränderung fängt beim Individuum an

„Qua Definition beschäftigt Wirtschaft sich mit Unternehmen und makroökonomischen Zusammenhängen und das Trugbild des Homo oeconomicus hat über die Jahrzehnte unser Bild vom Business geprägt“, so Dr. Ulrich Freiesleben, Leiter des Kuratoriums Wirtschaft und Spiritualität der Willigis Jäger Stiftung und selbst Unternehmer. Die gegenwärtigen Verwerfungen in der Wirtschaftswelt lassen sich seiner Meinung nach nicht auf der rein rationalen Ebene lösen, da emotionale Faktoren wesentlich zu den Entwicklungen der jüngsten Zeit beigetragen haben. „Wenn wir über Gier sprechen, denken wir oft, mit uns hat das nichts zu tun, und beziehen uns allein auf die Verfehlungen all der Ackermanns und Zumwinkels. Die gegenwärtige Ethik-Diskussion läuft jedoch im Zweifel ins Leere, denn Ethik lässt sich nicht verordnen, sondern jeder Mensch muss sich selbst verändern, wenn wir Gerechtigkeit und Wahrheit als wichtige Werte im Business etablieren wollen. Wir müssen neu lernen zu teilen, und die Wirtschaft muss sich am Dienen ausrichten“, sagt Freiesleben.

"Begrüßung und Einführung" von Dr. Ulrich Freiesleben
Podcast, Dauer 31 Minuten, Format MP3, Größe 29,6 MB

Und diese Veränderung hat viel mit spiritueller Entwicklung zu tun. „Gemeinschaft, Einheit und Liebe sind Grundprinzipien der Evolution und wir müssen uns für diese Ebene öffnen“, sagt etwa der Zen-Meister und Benediktiner Willigis Jäger. Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg: Die eigenen Gefühle zur Kenntnis zu nehmen und sich mit persönlichen Verletzungen auszusöhnen. Doch die von Jäger vorgeschlagene Praxis der Achtsamkeit geht über den wertschätzenden Umgang mit den eigenen Emotionen hinaus, denn aus spiritueller Perspektive geht es immer auch darum, sich von Gefühlen nicht besetzen zu lassen. „Wir sind ständig dabei, zu urteilen und zu bewerten. Praktizieren wir hingegen Achtsamkeit, können wir unsere Verstrickungen erkennen, sie bewusst wahrnehmen und autonomer handeln“, sagt Jäger.

"Über den Umgang mit Emotionen" von Willigis Jäger
Podcast, Dauer 36 Minuten, Format MP3, Größe 34,3 MB

Der Verbundenheit der Mitarbeiter auf der Spur

Das, was uns innerlich antreibt, und hier sind nicht zuletzt die Gefühle ein wesentlicher Aspekt, findet im unternehmerischen Kontext immer häufiger Berücksichtigung. Die jüngsten Forschungen zu Themen wie Mitarbeitercommitment und Leistungsfähigkeit verdeutlichen, dass dieser Zusammenhang in immer mehr Firmen ankommt. „Die Verbundenheit mit dem Unternehmen hat aus Sicht der Mitarbeiter eine emotionale Komponente, eine normative, die aus einem Verpflichtungsgefühl resultiert, und eine kalkulative, bei der Mitarbeiter abwägen, welche Vorteile ihnen eine Bindung an ihren Arbeitgeber einbringt“, erklärt etwa Prof. Dr. Matthias Pletke vom Lehrstuhl für Personalmanagement an der Fachhochschule Hannover. Ist die Bindung der Mitarbeiter gering, haben Unternehmen häufig mit einer hohen Fluktuationsrate zu rechnen. Umgekehrt sind Mitarbeiter mit einem hohen Commitment besser in der Lage, mit beruflichen Belastungen und Stresssituationen umzugehen. Auf diese Befindlichkeiten können Firmen direkten Einfluss nehmen. „Für Mitarbeiter haben die grundsätzlichen Merkmale ihrer Arbeit, also die Möglichkeit, sich vielfältig zu betätigen und auch gefordert zu werden, eine hohe Bedeutung. Mit einem partizipativen Führungsstil und guter Führungskommunikation lässt sich das Commitment ebenfalls fördern“, so Pletke.

"Affektives Commitment - emotionale Bindung der Mitarbeiter als strategischer Erfolgsfaktor" von Prof. Dr. Matthias Pletke
Podcast, Dauer 40 Minuten, Format MP3, Größe 38,2 MB
Folien zum Vortrag, Format PPS (Powerpoint)

Systemische Risiken und Meditation als Prophylaxe

„Emotionen spornen zum Handeln an“, sagt auch Prof. Dr. Sven Max Litzcke, Professor für Human Resource Management und Wirtschaftspsychologie an der Fachhochschule Hannover. Sie können jedoch auch lähmen, beispielsweise wenn Mitarbeiter in einer Stressspirale gefangen sind und das Gefühl haben, nicht mehr handlungsfähig zu sein. Ein grundlegendes Problem der Wirtschaft, so Litzcke: „Das System lebt von der Überausbeutung des Einzelnen.“ Gipfelt diese Beanspruchung in einer Überforderungshaltung und erleben Mitarbeiter die täglichen Aufgaben nur noch als Fremdbestimmung, verlieren die Stimuli im Arbeitsleben ihr Aktivierungspotenzial und schlagen ins Gegenteil um. Ein erlebter Kontrollverlust oder auch Versagensängste können die Oberhand gewinnen. „Meditation kann dabei helfen, sich nicht so sehr seinen Emotionen auszuliefern und sie zu relativieren. Sie kann als Prophylaxe dienen, weil sie unsere Bewertung von potenziellen Stresssituationen verändert“, sagt Litzcke.

"Emotionale Krisen im Arbeitsleben - Agressionen, Ängste, Depressionen" von Dr. Sven Max Litzcke
Podcast, Dauer 63 Minuten, Format MP3, Größe 59,1 MB
Folien zum Vortrag, Format PDF

Doch häufig ist das Individuum mit Kompensationsstrategien wie diesen überfordert beziehungsweise die systemischen Einflüsse sind zu stark, als dass der Einzelne noch auf der persönlichen Ebene die im Arbeitsleben abhanden gekommene Balance wiederherstellen könnte. So weist Prof. Dr. Johannes Siegrist, Leiter des Instituts für Medizinische Soziologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, darauf hin, dass prekäre Arbeitsverhältnisse, aber auch stabile Beschäftigungssituationen mit hohen Belastungen große psychosoziale und gesundheitliche Risiken bergen. „Downsizing-Prozesse in Firmen erhöhen selbst für die Angestellten, die ihren Arbeitsplatz nicht verlieren, das Mortalitätsrisiko um 40 Prozent“, so Siegrist. Die Forschungen legen auch nahe, dass bis zum Jahr 2020 Depressionen und Herzerkrankungen, die nicht zuletzt auch Folge arbeitsbedingter Belastungen sind, weltweit die häufigste Ursache für einen frühen Tod sein werden. Eine Studie der Harvard Business School zeigt auch, dass Unternehmen davon profitieren, wenn sie diese Belastungen gezielt in den Griff bekommen. So zeichneten sich die von den Wissenschaftlern untersuchten erfolgreichen Firmen gerade dadurch aus, dass sie ihren Mitarbeitern eine hohe Arbeitsplatzsicherheit boten, dezentrale Entscheidungsprozesse und transparente Informationsstrukturen schafften und somit die der Mitarbeitergesundheit abträglichen Risikofaktoren minimierten.

"Der Homo Oeconomicus bekommt Konkurrenz" von Prof. Dr. Johannes Siegrist
Podcast, Dauer 48 Minuten, Format MP3, Größe 45,1 MB
Folien zum Vortrag, Format PPS (Powerpoint)

Von der wissenschaftlichen Erkenntnis zum realen Wandel

Wissenschaftlichen Erkenntnissen wie diesen in der Praxis Rechnung zu tragen, ist jedoch nicht die leichteste Übung. „Im Berufsalltag zeigt es sich immer wieder, dass es sinnvoll sein kann, von Zeit zu Zeit einen Cut zu machen. Aber wir müssen uns auch darüber im klaren sein, dass wir unsere Probleme dadurch nicht verlieren“, sagt etwa Paul Kohtes, Gründer der PR-Agentur Pleon Kohtes Klewes und heute als Führungskräfte-Coach und Zen-Lehrer tätig. „Wenn ich Abstand gewinne zu dem, was passiert, kann ich Fixierungen lösen und es entsteht Raum für neue Ideen“, so Kohtes. Er empfiehlt Führungskräften, die ständig unter Strom stehen, businesstaugliche Minuten-Übungen, die zwischen Kopf und Herz vermitteln, den ständigen Gedankenfluss für eine Weile unterbrechen und so Raum schaffen für eine mentale Atempause. „Mit solchen Übungen kann man das Hamsterrad zwar nicht verlassen, aber sie sind ein erster Schritt, um überhaupt zu erkennen, dass man die ganze Zeit darin läuft“, sagt Kohtes.

"Have a break - praktische Übungen aus Ost und West für mehr Spirit im Business" von Paul J. Kohtes
Podcast, Dauer 50 Minuten, Format MP3, Größe 47,3 MB

Gerade der Weg vom Kopf zum Herzen gewinnt für viele Führungskräfte bisweilen die Herausforderungsdimension eines Marathons. „Viele Menschen denken Gefühle, fühlen sie aber nicht wirklich“, erfährt etwa der Berater Michael Fromm immer wieder in seiner Coaching-Praxis. Frage man sie nach ihrem persönlichen Befinden, flüchten sich viele Manager in die rationale Beschreibung von Erlebnissen oder sagen sogar explizit: „Für Gefühle habe ich keine Zeit.“ Das Problem: „Veränderungen im Kopf nutzen nichts, wenn der Bauch nicht mitspielt. Wenn Gefühle nicht ins Business integriert werden, arbeitet nur ein Teil von uns“, so Michael Fromm.

Um diese Lücke zu schließen, hatten die TeilnehmerInnen des Symposiums bei zahlreichen Praxis-Workshops die Gelegenheit, Methoden kennenzulernen, die Fühlen und Handeln gleichermaßen adressieren. So standen beim Outdoor-Workshop von Thomas Dihlmann und seinem Team Blind Walks im Wald und Gruppenübungen auf dem Programm, bei denen die Anwesenden die Chance hatten, das Thema Vertrauen mit allen Sinnen zu erfahren. Peter und Marita Mohr zeigten mit ihrer Kurzeinführung in die Gewaltfreie Kommunikation, dass ein wertschätzender Umgang miteinander im Berufsleben am ehesten gelingt, wenn die an einem Gespräch Beteiligten sich der Gefühle, die hinter den Worten zum Vorschein kommen, bewusst werden. Lena Meichsner und Gerburgis Niehaus machten die TeilnehmerInnen mit Naikan bekannt, einer japanischen Methode der Innenschau, die es den Praktizierenden erleichtert, in Konfliktfällen die Schuld nicht bei anderen zu suchen, sondern die Reibungspunkte im eigenen Fühlen besser zu erkennen. Prof. Dr. Götz Mundle schließlich illustrierte mit praktischen Übungen, wie sich Gefühle in Arbeitssituationen besser erkennen lassen, so dass man mit ihnen angemessen umgehen kann, anstatt sie zu verdrängen.

Der Schweizer Unternehmer Hans Jecklin brachte schließlich mit seinem Abschlussvortrag des Symposiums die gewonnenen Erkenntnisse auf den Punkt: „Wir müssen lernen, besser zu unterscheiden zwischen der Stimme der höheren Führung und der Stimme der inneren Bedürftigkeit. Unter Druck wird unser Herz eng, dabei sollten wir das unternehmerische Leben aus der Fülle gestalten und uns immer fragen, wo wir dieses innere Feuer sinnvoll für die Gesellschaft einbringen können.“

"Mit klarem Kopf, warmem Herzen und kraftvollen Händen" von Hans Jecklin
Podcast, Dauer 37 Minuten, Format MP3, Größe 35,0 MB

(Dr. Nadja Rosmann)

Buch-Tipps

zen@work – Manager und Meditation von Willigis Jäger / Paul J. Kohtes (Hrsg.)

Dein Job ist es, frei zu sein – Zen und die Kunst des Managements von Paul J. Kohtes

Jesus für Manager von Paul J. Kohtes

Hören Sie auf zu rennen – Was Manager von Hase & Igel lernen können von Paul J. Kohtes / Nadja Rosmann

Führen aus der Mitte von Barbara und Michael Fromm

Eine Welt oder keine – Plädoyer für einen globalen Bewusstseinswandel von Hans Jecklin

Raus aus der Führungskrise von Hans Wielens / Paul J. Kohtes (Hrsg.)

Führen mit Herz und Verstand von Hans Wielens (Hrsg.)

 

 

Impressionen

Impressionen des Outdoor-Workshops, Feier des Lebens mit Willigis Jäger und Beatrice Grimm und des abendlichen Picknicks beim Symposium "Emotionen in der Wirtschaft".

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